Die verlorene Ehre des Patrick Fischer
Der mediale Sturm, den er selbst auslöste, hat Patrick Fischer (50) aus dem Amt gefegt. In einem Finale-Furioso eines hollywoodreifen Sportdramas wird er zum ersten Nationaltrainer der helvetischen Sportgeschichte, der am Hosentelefon abgesetzt worden ist. Er war mit der Nationalmannschaft am Dienstag zu zwei Länderspielen in die Slowakei abgereist. Dort hat ihn Verbandspräsident Urs Kessler am Hosentelefon erreicht und ihn fernmündlich des Amtes enthoben.
Anschliessend ist Fischers Assistent Jan Cadieux zum Nachfolger ernannt worden. Er coacht bereits am Donnerstag und Freitag die Schweizer bei den zwei Operetten-Länderspielen in der Slowakei. Patrick Fischer ist in die Schweiz zurückgekehrt.
Es war das filmreife Ende der heftigsten Kontroverse, die es je um einen Nationaltrainer im Hockey gegeben hat. Kontroversen um Trainer gehören zum Geschäft wie das Salz zur Suppe. Der Auslöser ist in der Regel Misserfolg. Nun aber ging es um den erfolgreichsten Trainer unserer Hockey-Historie (seit 1908).
Patrick Fischer hat die Schweiz zuletzt zweimal hintereinander in den WM-Final geführt und ist soeben sportartenübergreifend zum Trainer des Jahres gekürt worden. In einem Monat beginnt die WM in Zürich und Fribourg. Zum ersten Mal tritt die Schweiz im eigenen Land mit realistischen Titelchancen an. Nicht einmal der liebe Gott hätte für einen Nationaltrainer eine bessere Ausgangslage schaffen können.
Nun hat ein medialer Sturm wie ihn noch nicht viele Sportstars oder Politikerinnen und Politiker aushalten mussten aus dem Amt gefegt.
Die «Vox Populi» («öffentliche Meinung»), die in der modernen Medienlandschaft so mächtig ist wie noch nie, war die stärkste Kraft. Man hätte fast meinen können, die Glaubwürdigkeit des gesamten Hockeys, ja die Werte der abendländischen Kultur hingen an einem gefälschten Dokument aus der Pandemiezeit.
Das ist Patrick Fischer zum Verhängnis geworden: Die Pandemie weckt noch immer Emotionen. Es waren nicht mehr nur die Hockeyfans, die gerichtet haben. Die Debatte hatte so ziemlich alle gesellschaftlichen Schichten erreicht und die Empörung war wohlfeil. Aber Empörung kennt eben keine Proportionen, Differenzierungen. Sie kennt nur Eskalationsstufen. Heute das Zertifikat, morgen der Charakter, übermorgen die komplette Demontage und am Ende die Amtsenthebung. Wer einmal im Strudel ist, kommt da so schnell nicht mehr heraus.
Hier soll nicht mehr die Debatte über gut und böse und über Moral geführt werden. Aber die Anmerkung sei erlaubt, dass die ganze Angelegenheit beunruhigende Dimensionen angenommen hatte. Der Eishockey-Nationaltrainer hat in der Deutschschweiz zwei Tage lang die Nachrichtenlage dominiert und selbst Donald Trump aus den Schlagzeilen verdrängt. Ein Fehltritt eines Stars aus der helvetischen Unterhaltungsindustrie – zu der der Sport zählt – war wichtiger als Weltpolitik. Der ganze Fall Fischer ist auch ein Lehrstück darüber, wie die moderne Medienwelt funktioniert.
Patrick Fischer ist zu einer Figur in einem Spiel geworden, das längst nicht mehr seins war und das er von Anfang an nicht zu kontrollieren vermochte und in dem er schon nach kürzester Zeit keine Chance mehr hatte. Dass er in dieses Spiel geraten ist, dafür trägt er – und nur er allein! – die Verantwortung. Es gibt keine Ausreden.
Aber es ist eben auch ein Spiel, das so überhaupt nur gespielt werden konnte, weil der Verband auf der ganzen Linie versagt hat. Ja, die Heftigkeit der Kontroverse um Patrick Fischer hat so ziemlich alle überrascht. Und doch: Eine Auflösung des Mandates am Dienstag nach Enthüllung der Urkundenfälschung hätte – begleitet von einer ehrlichen, professionellen Kommunikation – Patrick Fischer diese Demontage seiner Person erspart. Spätestens am Dienstagmittag zeichnete sich ab, welche Dimensionen dieser Fall annehmen wird und es ist geradezu grotesk, unter diesen Umständen den Nationaltrainer mit seinem Team noch zu zwei Länderspielen in die Slowakei zu entsenden.
Am Ende gibt es nur Verlierer. Es ist ein trauriges Kapitel Hockey-Geschichte. Der Titel: «Die verlorene Ehre des Patrick Fischer.» Und doch: Es gibt die berechtigte Hoffnung, dass er diese Ehre wiedererlangen und dereinst zur Hockey-Legende werden wird: Wenn die Schweizer nun bei der WM unter der Führung seines Nachfolgers Jan Cadieux die himmelhohen Erwartungen nicht erfüllen sollten, wenn das «goldene Zeitalter» mit drei WM-Finals in sieben Jahren sich dem Ende zuneigt, wenn internationales Mittelmass wiederkehren wird, dann werden die Erinnerungen an unvergessliche sportliche Momente stärker sein als die Empörung über den Fehltritt des Mannes, der uns diese Momente beschert hat.
Aus dem Urkundenfälscher wird in nostalgischer Verklärung ein Held. Patrick Fischer kann trotz allem eine Hockeylegende werden. Die Hockeygötter kennen die Tugend der Gnade. Das ist irgendwie tröstlich.
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